Manchmal muss eine Spur nicht gefunden, sondern erst erzeugt werden
Bei Cold Cases beschäftigen wir uns meist mit einer naheliegenden Frage: Welche Information haben wir bislang übersehen?
Wir durchsuchen alte Akten, bewerten Spuren neu, überprüfen Alibis, vergleichen DNA und schauen uns alte Ermittlungsansätze noch einmal an. Das ist richtig und notwendig.
Mich beschäftigt aber seit einiger Zeit noch eine andere Frage:
Kann ich durch eine gezielte öffentliche Kommunikation eine Situation schaffen, in der ein unbekannter Täter oder Mitwisser von sich aus reagiert?
Also nicht: „Wir veröffentlichen etwas und warten mal ab.“
Sondern: Wir überlegen vorher, wen wir erreichen wollen, wodurch diese Person möglicherweise angesprochen wird und welche Reaktion daraus entstehen könnte.
Das wäre dann nicht mehr nur klassische Öffentlichkeitsarbeit. Es wäre ein kriminaltaktischer Versuch, durch Kommunikation einen neuen Ermittlungsansatz zu erzeugen.
Etwas salopp formuliert: Vielleicht liegt die nächste Spur eben nicht seit 30 Jahren in irgendeinem Asservatenkarton und wartet darauf, endlich entdeckt zu werden. Vielleicht muss man ihr gelegentlich erst die Tür aufhalten.
1. Ein Täter muss nicht auf seine Tat reagieren
Ein Täter reagiert möglicherweise auf ganz andere Dinge als auf einen direkten Fahndungsaufruf.
Ein Beispiel, das ich aus der kriminalistischen Praxis kenne, zeigt das recht deutlich.
Über einen unbekannten Täter wurde öffentlich berichtet. In der Täterbeschreibung hieß es unter anderem, der Täter sei ungepflegt.
Der tatsächliche Täter fühlte sich offenbar genau von dieser Beschreibung angesprochen. Er schrieb einer Zeitung und beschwerte sich sinngemäß darüber, dass das Täterprofil eine Frechheit sei. Er sei keineswegs ungepflegt.
Nun könnte man sagen: Wenn man eine schwere Straftat begangen hat, ist die eigene Körperpflege vermutlich nicht das dringendste Problem.
Aber genau darin liegt der kriminalistische Wert des Vorgangs.
Der Täter reagierte nicht auf den Tatvorwurf. Er wollte sein Selbstbild korrigieren.
Und mit seinem Brief entstanden neue Ermittlungsansätze: Handschrift, postalische Merkmale und weitere Möglichkeiten zur Eingrenzung.
Die Ermittler hatten ihm nicht gesagt: „Melde Dich.“
Sie hatten lediglich eine Beschreibung veröffentlicht, die er offenbar nicht so stehen lassen wollte.
2. „Das stimmt so nicht“
Dieser Gedanke lässt sich weiterführen.
Ein Täter verfolgt möglicherweise die Berichterstattung über seine Tat. Er liest einen Zeitungsartikel, sieht einen Fernsehbeitrag oder hört einen Podcast.
Dann erfährt er: „Der Täter war vermutlich …“ – „Der Ablauf könnte so gewesen sein …“ – „Die Ermittler gehen davon aus …“
Und vielleicht denkt er: „Das stimmt so nicht.“ Oder: „Die haben keine Ahnung.“ Oder: „So war das nicht.“
Die Frage ist dann, ob bei bestimmten Menschen ein so starker Korrekturimpuls entstehen kann, dass sie reagieren.
Vielleicht durch einen Brief. Eine E-Mail. Einen anonymen Anruf. Einen Kontakt zu einem Journalisten. Vielleicht auch über einen Bekannten oder Angehörigen.
Das wäre für die Ermittlungen zunächst einmal kein Beweis.
Eine Reaktion kann von einem Täter stammen, von einem Mitwisser, einem Zeugen oder einem völlig Unbeteiligten.
Aber sie kann eine neue Spur erzeugen.
Und genau darum geht es.
3. Das Selbstbild als möglicher Zugang
Nicht jeder Täter sieht sich selbst so, wie wir ihn aufgrund seiner Tat sehen.
Ein Täter kann sich für intelligent, kontrolliert, gepflegt, erfolgreich oder moralisch überlegen halten – obwohl seine Tat etwas völlig anderes erkennen lässt.
Wenn eine öffentliche Darstellung dieses Selbstbild angreift, kann ein Spannungsfeld entstehen.
Er schweigt – und die aus seiner Sicht falsche Darstellung bleibt bestehen.
Oder er reagiert – und setzt damit möglicherweise eine neue Ermittlungsbewegung in Gang.
Dabei muss man nicht sofort mit Begriffen wie „narzisstische Kränkung“ um sich werfen. Das wäre schnell Küchenpsychologie.
Es reicht zunächst die kriminalistische Feststellung: Menschen reagieren manchmal stärker auf eine Bedrohung ihres Selbstbildes als auf eine direkte Konfrontation mit ihrem Fehlverhalten.
Bei einem unbekannten Täter könnte das ein Ansatzpunkt sein.
Nicht immer. Nicht bei jedem. Aber möglicherweise bei bestimmten Täterpersönlichkeiten.
4. Der Täter, der sich sicher fühlt
Ein zweiter Zugang betrifft das Sicherheitsgefühl.
Nach vielen Jahren kann ein Täter zu der Überzeugung gelangen: „Das ist vorbei.“ – „Da passiert nichts mehr.“ – „Die haben mich nie gefunden und werden mich auch nicht mehr finden.“
Ein Cold Case verschwindet für ihn möglicherweise gedanklich in der Vergangenheit.
Dann wird der Fall plötzlich wieder öffentlich thematisiert.
Neue DNA-Untersuchungen. Eine erneute Überprüfung alter Spuren. Ein neuer Ermittlungsansatz. Eine Veröffentlichung bislang unbekannter Details. Vielleicht eine spezialisierte Cold-Case-Einheit.
Die Botschaft lautet nicht: „Wir haben Dich.“
Aber möglicherweise: „Wir beschäftigen uns wieder mit Dir.“
Das kann die subjektive Sicherheit eines Täters verändern.
Ein bekanntes Beispiel ist der österreichische Briefbombenattentäter Franz Fuchs. Die damaligen Ermittlungen waren unter anderem darauf ausgerichtet, den Druck auf den Täter zu erhöhen und ihm zu vermitteln, dass die Behörden ihm näherkommen könnten. Im Zusammenhang mit der bevorstehenden Rasterfahndung und einer späteren Kontrolle kam es schließlich zu einer Situation, in der Fuchs überreagierte. Die österreichische parlamentarische Aufarbeitung bewertete die Strategie des erhöhten Ermittlungsdrucks rückblickend als bedeutsam.
Natürlich lässt sich daraus keine kriminalistische Gebrauchsanweisung ableiten.
Menschen reagieren unter Druck unterschiedlich. Und bei Fuchs kamen mehrere Faktoren zusammen.
Der Fall zeigt aber: Die Wahrnehmung eines Täters, die Ermittler könnten ihm näherkommen, kann sein Verhalten verändern.
Und genau dieses Verhalten kann kriminalistisch relevant werden.
5. „Woher wissen die das?“
Besonders interessant finde ich die kontrollierte Veröffentlichung einer wahren Information.
Eine Information, die für die Öffentlichkeit lediglich ein Detail darstellt, für einen Täter aber eine besondere Bedeutung haben kann.
Der normale Leser denkt vielleicht: „Interessant.“
Der Täter könnte denken: „Woher wissen die das?“ Oder: „Das wissen die also auch.“
Damit kann sich seine subjektive Bewertung der Ermittlungsgefahr verändern.
Vielleicht beginnt er, Informationen zu vernichten. Vielleicht sucht er alte Kontaktpersonen auf. Vielleicht spricht er mit einem Mitwisser. Vielleicht versucht er, sich selbst über den Ermittlungsstand zu informieren.
Solche Reaktionen wären nicht automatisch sichtbar. Aber sie können dort sichtbar werden, wo sie mit anderen Menschen, Kommunikationswegen oder Handlungen zusammentreffen.
Eine wichtige Grenze sehe ich allerdings bei bewusst falschen Informationen.
Natürlich gibt es in der kriminalistischen Praxis taktische Täuschungen. Im Bereich öffentlicher Kommunikation wäre ich damit jedoch sehr zurückhaltend.
Falsche Informationen können Zeugen beeinflussen, Erinnerungen verändern und den tatsächlichen Täter warnen oder zu Gegenmaßnahmen veranlassen.
Deshalb halte ich den saubereren Ansatz für: Echte Information. Bewusst ausgewählt. Kontrolliert veröffentlicht. Mit einer vorher formulierten Hypothese über mögliche Reaktionen.
Das klingt weniger spektakulär. Ist aber wahrscheinlich auch weniger geeignet, uns später selbst auf die Füße zu fallen.
6. Der emotionale Zugang
Dann gibt es die menschliche Ebene.
Gerade bei Cold Cases sprechen wir häufig über DNA, Fahrzeuge, Tatorte, Zeitfenster und Täterhypothesen.
Dabei geraten die Menschen manchmal in den Hintergrund.
Eine öffentliche Kommunikation kann deshalb bewusst das Opfer und die Angehörigen in den Mittelpunkt stellen.
Nicht reißerisch. Nicht sentimental um jeden Preis.
Einfach real.
Ein Kind wurde getötet. Eine Familie hat seit Jahrzehnten keine Antwort. Menschen sind alt geworden oder gestorben, ohne zu wissen, was damals geschehen ist.
Kann das einen Täter erreichen?
Möglicherweise.
Aber eben nicht zwingend über Schuld oder Mitgefühl. Die Reaktion kann auch Ärger, Abwehr oder ein Rechtfertigungsbedürfnis sein.
Und manche Täter wird eine solche Botschaft vermutlich überhaupt nicht berühren.
Deshalb wäre es falsch, eine emotionale Ansprache einfach als moralischen Schlüssel zum Täter zu betrachten.
Sie ist lediglich eine mögliche Form der Kommunikation.
Ob sie sinnvoll ist, hängt vom Fall und von den Täterhypothesen ab.
7. Vielleicht ist der Täter gar nicht die wichtigste Zielperson
Das halte ich bei Cold Cases sogar für einen der wichtigsten Gedanken.
Wir sprechen immer davon, den Täter zu erreichen.
Aber vielleicht sitzt derjenige, der uns die entscheidende Information geben könnte, seit Jahrzehnten irgendwo daneben.
Ein früherer Freund. Eine ehemalige Partnerin. Ein Familienmitglied. Ein Arbeitskollege. Ein Mitwisser. Oder jemand, der damals etwas gesehen und für unwichtig gehalten hat.
Menschen verändern sich. Beziehungen enden. Loyalitäten verschwinden. Manche Menschen wollen nach Jahrzehnten nicht mehr für jemanden schweigen, für den sie früher geschwiegen hätten.
Öffentliche Kommunikation kann deshalb auch eine Erinnerung oder einen inneren Konflikt aktivieren: „Soll ich das vielleicht doch erzählen?“
Gerade bei Cold Cases kann das entscheidend sein.
Die strategische Frage lautet deshalb nicht nur: Wie erreichen wir den Täter?
Sondern: Wer könnte heute etwas sagen, was er damals nicht sagen wollte?
8. Öffentlichkeitsarbeit braucht vorher einen Plan
Eine solche Maßnahme sollte natürlich nicht nach dem Motto laufen: „Schreiben wir mal was in die Zeitung und schauen, wer sich aufregt.“
Das wäre dann doch eher bayerisches Preisschießen als kriminalistische Taktik.
Vor einer Veröffentlichung müssten einige Fragen beantwortet werden.
Was ist das Ziel? Wollen wir neue Zeugenhinweise? Wollen wir einen bestimmten Personenkreis erreichen? Soll ein möglicher Mitwisser angesprochen werden? Oder besteht die Hypothese, dass der Täter selbst auf bestimmte Informationen reagieren könnte?
Wer soll die Botschaft erreichen? Die gesamte Öffentlichkeit? Ein bestimmtes geografisches Umfeld? Eine Altersgruppe? Menschen aus einem früheren sozialen Umfeld?
Welcher Anknüpfungspunkt könnte eine Reaktion auslösen? Mögliche Ansatzpunkte wären beispielsweise Selbstbild, Korrekturbedürfnis, Kontrollverlust, Angst vor Entdeckung, Täterwissen, emotionale Bindung, Erinnerung oder veränderte Loyalitäten.
Welche Reaktion erwarten wir überhaupt?
Bevor etwas veröffentlicht wird, sollte man überlegen, wie eine mögliche Reaktion aussehen könnte und woran wir sie erkennen würden.
Ein Brief? Eine E-Mail? Ein anonymer Anruf? Eine Nachricht über einen Journalisten? Eine Kontaktaufnahme mit Angehörigen?
Wenn wir eine Reaktion erreichen wollen, müssen wir auch darauf vorbereitet sein, sie zu erkennen und professionell auszuwerten. Polizeiliche Leitlinien betonen ebenfalls, dass öffentliche Appeals strategisch vorbereitet und eingehende Hinweise organisatorisch verarbeitet werden müssen. Sie berücksichtigen zudem, dass Täter die Berichterstattung über ihre Taten verfolgen können und direkte öffentliche Ansprache in geeigneten Fällen eine Option sein kann.
Fazit: Kommunikation als aktive Ermittlungsmaßnahme
Die klassische Frage lautet: Welche Spur haben wir übersehen?
Vielleicht sollte bei manchen Cold Cases eine zweite hinzukommen: Können wir durch eine kontrollierte Veränderung der Kommunikationssituation eine neue Spur erzeugen?
Das bedeutet nicht, einen Täter mit Tricks aus der Reserve zu locken.
Es bedeutet auch nicht, ihm über die Medien irgendetwas vorzugaukeln.
Gemeint ist eine strategisch geplante Kommunikation, die auf einer Fall- und Täterhypothese beruht.
Ein unbekannter Täter lässt sich nicht zwingen, mit Ermittlern zu sprechen.
Aber vielleicht lässt sich eine Situation schaffen, in der er selbst etwas tut.
Etwas schreibt. Etwas korrigiert. Jemanden kontaktiert. Über etwas spricht. Oder einen Fehler macht.
Genau dort könnte eine neue Spur entstehen.
Die wissenschaftliche Forschung zu diesem konkreten Wirkmechanismus steht noch relativ am Anfang. Öffentliche Appeals sind als Ermittlungsinstrument etabliert, und einzelne Fälle zeigen, dass Täter oder andere Tatbeteiligte auf öffentliche Kommunikation kriminalistisch relevante Reaktionen zeigen können.
Für die Cold-Case-Arbeit ergibt sich daraus eine interessante Forschungsfrage:
Wie kann kontrollierte öffentliche Kommunikation so gestaltet werden, dass sie mögliche Täter oder Mitwisser erreicht und selbstinitiierte Verhaltensreaktionen auslöst, ohne Ermittlungen, Zeugen oder spätere Beweiswürdigung zu gefährden?
Und vielleicht beginnt eine neue Spur dann tatsächlich nicht mit einer alten DNA-Spur oder einem vergessenen Aktenvermerk.
Sondern damit, dass irgendwo jemand einen Artikel liest, sich ärgert und denkt:
„Also das lasse ich so nicht stehen.“
Und dann schreibt er einen Brief.
München, 23.08.2026
Peter Hagl
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